Südtirol - ein Stück Deutschland in Italien?

von Wolfgang Pruscha  © all rights reserved
Auf seiner Homepage Reise nach Italien finden sich noch viele andere, interessante Aspekte deutsch-italienischen Zusammenlebens!

Der Fall des Sig. Baldon

Ich kenne einen Paduaner - um seine Privatsphäre zu schützen, nenne ich ihn Sig. Baldon -, der in Meran, in Südtirol ein zweites Haus hat. Er liebt alles, was deutsch ist (gelegentlich habe ich Mühe, seine grenzenlose und übertriebene Bewunderung für Deutschland und die Deutschen zu bremsen), er spricht einigermaßen gut Deutsch, aber jedes Mal, wenn er von einem Wochenende in seinem südtiroler Haus zurückkommt, ist er frustriert und beschwert sich: "Die da (er bezieht sich auf die deutschsprachigen Südtiroler) erinnern mich immer daran, dass ich Italiener bin!" Er möchte sich deutschfreundlich zeigen, aber sie lassen ihn nicht. Für sie ist er Italiener und damit basta. Sie behandeln ihn "als Italiener" und das heißt für ihn: von oben herab. Er wird toleriert, nicht akzeptiert. In Padua fühlt sich Sig. Baldon fast mehr wie ein Deutscher als wie ein Italiener, in Südtirol gibt man ihm deutlich zu verstehen, dass er es nicht ist. "In Deutschland und Österreich werde ich besser behandelt", sagt er mir, "da erkennt man wenigstens an, dass ich ihnen ähnlich bin." Aus der Erfahrung des armen Sig. Baldon habe ich verstanden, dass das Zusammenleben zwischen "deutschen" und "italienischen" Südtirolern (die Anführungszeichen sind notwendig, denn laut Pass sind alle Italiener!) wirklich nicht funktioniert und, obwohl die Region heute wohlhabend und ruhig ist, es auch in der Zukunft kaum besser aussehen wird.

Warum lieben die deutschen Südtiroler die Italiener nicht?

Bis 1919 gehörte Südtirol zu Österreich. Nach dem Ersten Weltkrieg musste Italien, das zu den Siegermächten gehörte, territorial zufriedengestellt werden und bekam Südtirol von Österreich, das den Krieg verloren hatte. Aber das wirkliche Drama begann 1922, als Mussolini kam. Südtirol wurde gewaltsam "italienisiert". Italien vertrieb nicht nur die Deutschen aus allen wichtigen Positionen der Verwaltung und des öffentlichen Lebens, auch die Natur musste italienisch werden: der Name von jedem Wald, jedem Bach, jedem Berg und jedem Dorf, jede geographische Bezeichnung wurde geändert - gelegentlich mit ziemlich lächerlichen Resultaten. Jegliche deutsche Tradition wurde unterdrückt, nichts sollte mehr an eine nicht-italienische Vergangenheit erinnern. Es war eine harte Erniedrigung, die die "Deutschen" von Südtirol nie vergessen haben.

 

Warum lieben die italienischen Südtiroler die Deutschen nicht?

All das gehört nunmehr der Vergangenheit an. Heute ist die Region Trentino-Südtirol eine Region mit Sonderstatus, der eine weitgehende Autonomie und Finanzmittel garantiert, die weit über denen der anderen Regionen liegen. Die Provinz Bozen ist "zweisprachig", jeder der für die Gemeinde, für die Provinz oder für die Region arbeiten will, muß Deutsch und Italienisch können. Nach der "Zeit der Bomben" in den 50er und 60er Jahren, in der die Extremisten auf deutscher Seite Italien zum Rückzug aus der Region zwingen wollten, ist wieder Frieden eingekehrt, auch aufgrund weitgehender Zugeständnisse des italienischen Staates an den deutschsprachigen Bevölkerungsteil. Aber trotz all dem können Deutsche und Italiener nicht zusammenleben. Heute sind es die Italiener, die sich beschweren, heute sind sie es, die sich fast verfolgt fühlen und ich kann sie gut verstehen. Die "Deutschen" verhalten sich oft mit einer Arroganz, die wie eine Mischung aus Rache für das in der Vergangenheit erlittene Unrecht und einem Gefühl der Überlegenheit erscheint, die in den Italienern und in Italien nur die Eigenschaften erkennt, die man in den banalsten Allgemeinplätzen wiederfindet: die Italiener sind ineffizient, faul und unzuverlässig.

Deutsche und italienische Touristen

Die deutschen Touristen werden von all dem kaum etwas mitbekommen. Die Herzlichkeit und die Gastfreundschaft, mit der sie empfangen werden, und die ich jedes Mal fühle, wenn ich dorthin fahre, machen einen Urlaub sehr angenehm. Aber auch viele italienische Touristen fahren gern dorthin und werden gut behandelt, schließlich bringen sie viel Geld und wer Geld bringt ist immer willkommen. Aber schon einige Male habe ich feine Unterschiede beobachtet: Die Deutschen werden mit wirklicher Herzlichkeit empfangen, die Italiener mit einer "professionellen Freundlichkeit". Im Restaurant habe ich gelegentlich eine gewisse Unsicherheit beobachtet, wenn die Kellner bemerkten, dass sie es mit einer "gemischten" deutsch-italienischen Touristengruppe zu tun hatten, als ob sie nicht mehr recht wüssten, wie sie sich zu verhalten haben. Es sind die Leute, die dort leben, die die unangenehmen Aspekte der "ethnischen Problematik" stärker erfahren, die Touristen dagegen, Deutsche oder Italiener, kommen und gehen.

Ein Problem ohne Lösung?

Viele sehen in Südtirol eine Art von glücklicher Insel, ein "Teil von Deutschland in Italien". Abgesehen von den Personen, den Häusern, den Speisen und den Gewohnheiten, die deutsch sind (oder besser: österreichisch), sind auch die Straßen sauberer, die Verwaltung funktioniert besser, viele fühlen sich fast wie in Deutschland oder in Österreich. Aber da ist immer jenes stachelige Problem des schrecklich schwierigen Zusammenlebens zwischen dem deutschen und dem italienischen Bevölkerungsteil. Ich lebe nicht dort und kenne die Probleme nicht aus eigener persönlicher Erfahrung, aber ich glaube trotzdem sagen zu können, dass es zwei Einstellungen gibt, die die Situation sicher nicht verbessern: auf der einen Seite die Deutschen (oder doch wenigsten ein Teil von ihnen), die sich konsequent weigern, die Italiener als gleichwertige Menschen zu betrachten und auf der anderen Seite die Italiener (oder doch wenigsten ein Teil von ihnen), die sich in ihrem Stolz verletzt fühlen und die als einziges Argument haben: "wir sind in Italien, und ihr müßt das zur Kenntnis nehmen". Diejenigen, die einen dritten Weg suchen, sind leider schwach und haben Mühe ihre Stimme zur Geltung zu bringen. Aber es gibt meiner Meinung nach keine Alternative zu diesem Weg "zwischen den Ethnien". Sowohl die Arroganz auf der einen, als auch der verletzte Stolz auf der anderen lösen die Probleme dieser wunderschönen Region sicher nicht! 

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2007 Erika Mager All rights reserved