Abenteuer für psychisch Behinderte in Italien

von Matthieu Conrads    © all rights reserved

Jedes Jahr fahren wir, eine Gruppe von sechs psychisch Behinderten und zwei Betreuern, ins schönste Land der Welt, nämlich nach Italien. Wir freuen uns schon jedesmal vorher auf die Abenteuer, die uns dort erwarten, auf das gute Essen, die schönen Städte und Landschaften.
Beim ersten Mal waren wir in Pesina am Gardasee. Eines Abends entdeckten wir schwarze Skorpione im Haus, in der Toilette und im Schlafraum an der Wand neben dem Bett, in dem schon jemand schlief. Solche Tiere hatten wir in der Realität noch nie gesehen und dachten, daß sie sehr gefährlich sein müßten. Nach mehreren Anläufen gelang es einem mutigen Sozialarbeiter, den Skorpion mit einem Glas einzufangen, ohne den Schläfer im Bett aufzuwecken und in Panik zu versetzen. Hinterher erfuhren wir, daß diese Skorpione doch relativ harmlos sind und ein Stich nicht schlimmer als der einer Mücke wäre.
Einige Tage später waren wir in Rovereto. Da gibt es noch richtige Stehklos in den Bars. Einer von uns kam damit nicht zurecht und suchte ein anderes Klo. Dabei fand er den Türdrücker nicht, um aus dem Haus herauszukommen. Er rüttelte solange ans Portal, bis ihm die Scheibe entgegenfiel und in tausend Stücke zersprang. Es entstand ein Riesenlärm und der Barbesitzer kam angerannt. Zum Glück gab es einen Glaser in der Nähe. Zu dem gingen wir hin und bestellten und bezahlten eine neue Scheibe. Noch lange saß uns der Schreck in den Knochen. Aber irgendwie lustig fanden wir es trotzdem.
Ein Jahr später waren wir in Sticciano in der Maremma. Einer wurde dort direkt zu Anfang krank und bekam dicke Beine. Wir brachten ihn zum nächsten USL nach Grosseto. Die Blutwerte waren mehr als schlecht. Die Ärzte guckten uns ganz entsetzt an und wunderten sich, daß der Betreffende überhaupt noch lebte. Er wurde sofort an den Tropf gehängt und mußte die ganzen zwei Wochen im Krankenhaus verbringen. Natürlich haben wir ihn jeden Tag besucht. Aber noch mehr haben sich die Verwandten der italienischen Mitpatienten um ihn gekümmert und ihm sogar einige Brocken Italienisch beigebracht.
Ein Jahr später waren wir in Leca in der Nähe von Albenga in Ligurien. Dort sind so viele Palmen und Orangenbäume. Sogar auf den Bahnsteigen im Bahnhof stehen Palmen! Eines Abends sahen wir in der Dunkelheit so komische rote Linien am Berghang hinter dem Dorf, die immer breiter wurden. Später begriffen wir: Der Berg brannte! Wir bekamen Angst, daß das Feuer uns erreichen könnte. Einer von uns begann schon seinen Koffer zu packen, um des Nachts besser flüchten zu können. Wir überlegten, ob wir nicht eine Nachtwache aufstellen müßten, um nicht vom Feuer überrascht zu werden. Wir gingen ins Dorf und befragten Bewohner, wie gefährlich die Situation wohl wäre. Aber man beruhigte uns. Unser Dorf war nicht gefährdet, das Feuer war weiter weg, als es aussah. Jeden Tag beobachteten wir darafhin den Berg, das Feuer und die Löscharbeiten. Am Meer sahen wir, wie ein Flugzeug nach dem anderen Wasser aufnahm, und zuhause beobachteten wir, wie sie, die sog. Canadair, Wasser auf die Brandherde schütteten. Wir erfuhren aus der Zeitung, daß Brandstifter die Feuer gelegt hatten. Die Schäden für die Bewohner waren teilweise sehr groß, viele mußten sogar evakuiert werden. Für uns war dies jedoch eine spannende Angelegenheit, mit der wir uns tagelang beschäftigen konnten.
Letztes Jahr haben wir den Urlaub in Lucca in der Toskana verbracht. Ein Ausflug führte uns in die Marmorsteinbrüche in der Nähe von Carrara. Was für tolle Steine dort lagen! Am liebsten hätten wir unseren ganzen Bus damit beladen. So haben wir nur die schönsten mitgenommen, z.B. solche mit Bohrlöchern für die Sprengladungen. Unterwegs in Carrara und Colonnata fanden wir manch interessante Gedenktafel, z.B. für Anarchisten, "getötet auf der Straße der Freiheit", oder in Pistoia für einen Metallarbeiter, "gefallen für die Verteidigung des Rechts auf Arbeit". Ob wir so etwas wohl im diesbezüglich konservativen Deutschland finden würden? Wohl kaum. Ein anderer Aufflug führte uns nach Sant'Anna di Stazzema, ein Dorf weit abgelegen in den Bergen. Hier hatten die Deutschen 1944 fast alle Bewohner (560) umgebracht als Vergeltung für den Freiheitskampf der Partisanen gegen die deutsche Armee bzw. die WaffenSS. Wir guckten uns das Widerstandsmuseum an, und wir waren sehr beeindruckt von der Geschichte der jungen Mutter, die, um ihr Baby zu schützen, einem Soldaten in ihrer Verzweifelung einen Holzschuh an den Kopf schleuderte, bevor dieser sie erschoß. Der Kustode, Signor Enio Mancini, war sehr freundlich zu uns und hat uns erzählt, daß er das Massaker als Siebenjähriger miterlebt hatte. Die ganze Geschichte hat uns sehr betroffen und zeitweilig schämten wir uns, Deutsche zu sein. Nächstes Jahr wollen wir nach Umbrien fahren, in die Nähe von Assisi. Wir sind gespannt, welche Abenteuer wir wohl dann erleben werden. Aber hoffentlich keins mit Erdbeben!
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