Mein Giro D'Italia

von Elke Trieglaff-Grabe    © all rights reserved

 

Es war im Jahre 1989, als ich mit meinem langjährigen Freund und einer noch nicht so langjährigen Freundin den "Giro D' Italia" machte. Zeit hatten wir genug, und jeder hatte so seine speziellen Wünsche was er gerne machen bzw. sehen wollte. Organisiert war das Unternehmen so, dass meine Freundin im Zelt schlafen sollte, mit dem Gepäck,  und mein Freund und ich im Auto. Das hatten wir auf vielen Touren kreuz und quer durch Europa schon ausgetestet, und wir waren entsprechend eingerichtet. So waren wir am mobilsten und für jede Ecke Italiens ausgerüstet. Und natürlich waren wir mit der wichtigsten Literatur aller Camper bewaffnet, dem ADAC Campingführer Süd Europa. Wie ich schon sagte, hatte ein Jeder von uns so seine Wünsche und Vorstellungen von der Reise. Mein Wunsch war ausschließlich meinen römischen Freund zu treffen. Dieser ist Geologe und immer unterwegs in Italien. Am wenigsten in Rom anzutreffen. Da hatte ich ihn schon einige Male schmerzlich vermisst.

Unsere Reise ging los, indem wir mit einer Übernachtung bei unserer Freundin diese in der Nähe von Stuttgart einsammelten. Zuerst fuhren wir  Richtung Lichtenstein, das wir alle uns unbedingt mal ansehen wollten und weil es auf der Strecke lag zum Verzascatal. Dort lag nämlich der erste Wunsch unserer Freundin. Im Verzascatal lebt eine Schriftstellerin, deren Buch sie gerade gelesen hatte, und die in diesem Buch die Landschaft ihres Lebensraumes wohl so toll beschrieben hat, dass die Sehnsucht, diese Landschaft zu sehen, sehr groß bei ihr war. Wir haben es denn auch gefunden. Ganz versteckt in den Bergen um den Lago Maggiore,  und ich muss zugeben, so etwas Schönes an Landschaft, Bauwerken und Natur habe ich auch noch nie gesehen. Leider ist es schon ziemlich "tourimäßig" und man muss das Auto vor dem Tal, eher eine Schlucht, stehen lassen und zu Fuß hineingehen. Aber es hat sich gelohnt und wir waren nachher auch ziemlich sicher, das Haus der berühmten Schriftstellerin ausgemacht und gefunden zu haben. Leider war keine Menschenseele zu sehen, die uns das hätte bestätigen können. Ein Gespräch mit der Schriftstellerin wäre nun das Tüpfelchen auf dem i gewesen, aber wir hatten alle keinen Mut, einfach an die Tür zu klopfen. Wir hatten es aber wenigstens gesehen. Und das Tal war die Fahrt sowieso schon wert gewesen. Dieses Tal Verzasca wird auch das Aqua verde genannt und scheint so auch im Sprachgebrauch üblich zu sein. 

Unsere Reise führte uns dann an Milano vorbei nach Montoggio, einem kleinen Bergdorf kurz vor Genua wo wir einen Campingplatz mit Hühnern hatten. Es war in den Bergen recht kalt in der Nacht und Regen bekamen wir auch. Aber zum Zeltabbau am nächsten Morgen war alles wieder trocken. Nun kam die Cinque Terre dran. Wir haben sogar einen Weg gefunden, bis in den Ort Vernazza hinunterzufahren, aber das Verkehrschaos der Italiener hielt uns davon ab. Also haben wir das Auto etwas höher am Berg geparkt und sind mit den Füßen in den Ort gegangen. Dort haben wir uns erst mal eine Erfrischung gegönnt auf einer wunderschönen Aussichtsterrasse am Meer. Und die tolle Aussicht bestand nicht nur aus Meer, sondern auch auf die ins Meer führende Abwasserleitung des Ortes. Weiter will ich jetzt nicht auf die Cinque Terre eingehen. Wen's interessiert, der kann ja fragen. Aber falls Du dort mal vorbeikommst, pass auf das Du sie überhaupt findest. Man ist furchtbar schnell vorbeigefahren.

Unser nächster Übernachtungscamping war dann in Sarzana (La Spezia) -  wir nannten ihn Autobahncamping, da wir die ganze Nacht gedacht hatten, die Autos fahren direkt durch unser Zelt. Auch diesen Camping hatten wir im September fast für uns alleine, und zum Glück waren wir gut mit Vorräten ausgerüstet, denn il ristorante und der alimentari waren schon auf Winter eingestellt und geschlossen.

Weiter führte unsere Reise uns über La Spezia nach Colonata. Das  ist das Dorf am Ende der Welt, mitten in den Steinbrüchen von Carrara. Es geht dort nur hin und wieder zurück. Dort ist die Zeit stehen geblieben. In Colonata war ich jetzt auch schon einige Male mit den unterschiedlichsten Menschen und den unterschiedlichsten Geschichten. Aber hin muss ich immer wieder, um etwas aus Marmor zu kaufen. Und natürlich kauften wir wieder und bedauerten zum 180. Mal, dass wir das Auto nie leer haben, wenn wir dort sind.

Weiter ging unsere Fahrt nach Lucca. Ich weiß noch genau, dass es uns an dem Morgen allen nicht so gut ging und wir dankbar über die kleine Brise auf dem Torre Guinigi waren. Na ja, der vino. Unser Übernachtungscamping war dann der Stadtcamping von Siena. Dort bekamen alle Zelte eine kleine Hausnummer und am nächsten Tag hatten wir ein witziges Erlebnis mit Rom. Wir wollten ja nun Siena besichtigen und fuhren drauf los. Leider wollte es uns nicht gelingen in die Stadt zu finden. Immer wieder fuhren wir nur drum herum und mussten dauernd drehen, weil wir schon wieder auf die Wälder und Berge zufuhren. Ein Bauer am Wegesrand war dann endlich mein Ziel, um nach dem Weg zu fragen. Ich fragte also "Dov'è il centro" und meinte natürlich das Zentrum von Siena. Der Bauer schaute uns an, fuchtelte wild mit den Armen und brüllte über die Straße "Il centro??? Il centro è Roma" Na ja, nach diesem Scherz hat er uns dann aber doch den Weg gewiesen und wir konnten Siena bestaunen.

Und dann kam unser nächstes Ziel: der Lago Bracciano und natürlich der Camping Parco del Lago. Von hier aus telefonierten wir nun erst mal mit Rom, um natürlich zu erfahren, dass mein Freund nicht da war. Wo er war,  konnte der Vater nicht sagen, aber er wusste,  wann der Sohn wieder anruft. Also haben wir uns endlich die Zeit genommen, ein wenig zu relaxen, einzukaufen, auszuschlafen, Knöpfe anzunähen,  ein wenig in der Sonne und im Lago zu baden und alles zu tun,  wofür wir uns in den letzten Tagen die Zeit nicht genommen hatten.

Wir bekamen dann die Information,  dass mein Freund in Melfi war. Also nichts wie hin, wo immer das auch ist. Und damit gerieten wir nach Lucania, in die Basilikata. Eine faszinierende Landschaft wie der Mond und daher auch der Name. Und von dort kommt auch der Amaro Lucano den wir natürlich dort kennenlernten. Und meinen Freund trafen wir dann auch endlich. Nun waren wir also an den Laghi Montichii . Dieser Doppelkrater des Eruptivkegels des Monte Vulture. Der Campingplatz war schon total geschlossen, hat uns freundlicherweise aber doch aufgenommen. Aber hier gab es dann gar nichts mehr. Noch nicht einmal ausreichend Wasser zum duschen. Und saubergemacht wurden die sanitären Einrichtungen wohl auch nur im Frühling und in der Saison. Aber wir konnten uns hier wirklich ausbreiten und hatten sogar Elektrizität für unser abendliches Palaver in italienisch , deutsch und englisch. Dazu bellten alle Hunde der Umgebung und es war irgendwie schaurig. Mein Freund hatte einen Bungalow gemietet und konnte es sich einrichten mit uns zusammenzubleiben. Bzw. wir fuhren eben mit Ihm mit oder hinterher. Und da wir mit einem Geologen unterwegs waren, fuhren wir kreuz und quer durchs Land. Wir sahen fruchtbare Olivenhaine und Weinberge, ebenso wie Schotterhalden und unbewachsene Hügel.  Die Basilikata muss das Tomatenland Italiens sein, denn die autostrada war rot von verlorenen Tomaten und die Lastwagen fuhren fast im Konvoi Richtung Norden. Im Basento-Tal besuchten wir die Ortschaft Ferrandina die 1490 von Friedrich von Aragon gegründet worden war. Aufgrund von Methangasvorkommen hielt die Industrie im Basento-Tal Einzug und verarbeitet  Wolle und Baumwolle. Von hier sind wir dann erst mal nach Metaponto Lido gefahren und haben ein erfrischendes Bad im Ionischen Meer genommen. Riesige, fast menschenleere Strände - aber es ist ja auch September und für die Italiener schon Winter. Metaponto war eine der bedeutendsten Städte Groß-Griechenlands und so haben wir uns erst mal die Überreste der bedeutenden Tempel angesehen, bevor wir uns auf einem Melonenfeld bedienten und weiterfuhren nach Matera. Diese Stadt liegt am oberen Rand einer hohen Felswand, deren Höhlen bereits im vorgeschichtlichen Zeitalter bewohnt waren. An den Hängen, der in die Tuffsteinmassen des Sasso Barisano und des Sasso Caveoso tief eingeschnittenen Tälern, scharen sich ampitheatralisch die "Sassi" genannten alten Häuser der Unterstadt. Es ist kaum zu glauben dass es so was gibt. Vor der Einfahrt in die Stadt wurden wir von einer Horde großer und kleiner Jungen aufgehalten. Die hatten ein ausländisches Auto gesehen und wollten uns nun abzocken. Als sie aber einen Italiener am Lenkrad vorfanden, wurden sie sofort freundlicher. Wir spielten ihr Spiel mit und nahmen uns den Kleinsten als Führer. Damit hatten wir nun einen Führer, der von uns geführt wurde, den wir ständig auf seine offenen Schnürsenkel aufmerksam machen mussten und der nichts, aber auch gar nichts wusste.  Das störte uns aber nicht weiter, denn wir hatten ja unseren Geologen, der sich bestens auskannte. Viel Spaß hatten wir mit dem pfiffigen kleinen Kerl und er hat am Ende reichlich Trinkgeld von uns bekommen. Matera und seine Sassi sind mindestens so interessant wie Rom, nur nicht so berühmt aber bestimmt auch so alt und hier nicht weiter zu beschreiben, wenn man die Bilder nicht kennt. An diesem Abend hatten wir uns ein Abendessen in einem Lokal verdient und waren im Ristorante Vecchio Lune in Sarnelli (Pz) wo wir aßen, was il patrone uns vorschlug, denn was anderes gab es sowieso nicht in der Küche. Wie gesagt September.

 Nach einer weiteren Nacht auf unserem berauschenden Campingplatz, meine Freundin war schon in den Bungalow umgezogen, und einem Tag Rundreisen durch die  Lucania sind wir dann zum Lago Pertusillo im oberen Agri-Tal gefahren, wo wir unbedingt den berühmten Sonnenuntergang sehen sollten. Aber irgendwie haben wir uns so an der fantastischen Landschaft festgehalten, eine alte Burg bestiegen und uns an den wild wachsenden Kräutern berauscht, dass wir den Sonnenuntergang nicht mehr geschafft haben und gleich weitergefahren sind nach Paestum. Der Name des Ortes wird entgegen allem italienischen mit ä ausgesprochen da er griechischen Ursprungs ist. Dort fanden wir tatsächlich einen Campingplatz, der noch belebt war und auf dem gerade ein Reisebus mit Schlafkojen eintraf, der eine Horde von deutschen Senioren durch die süditalienische Landschaft schaukelte.. In Paestum erschlägt einen der Strand und das Meer, und wäre es nicht soooo weit weg von Norddeutschland,  würde ich meine Urlaube nur noch dort verbringen. Aber Paestum hat auch seine Antike. Die im südlichen Teil von Kampanien in einer Ebene nahe dem Tyrrhenischen Meer gelegene Ruinenstätte von Paestum ist mit ihren Tempelruinen und Nekropolen der großartigste Rest griechischer Baukunst auf dem italienischen Festland. Die Ruinen hatten das "Glück" Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte lang unter grünem Dschungel versteckt zu sein und sind deshalb keinen räuberischen Horden aufgefallen. Beim Bau einer neuen Straße entlang der Küste sind sie entdeckt worden, und diese Straße geht heute mitten durch das Gelände hindurch. Wieder einer der Schätze Italiens, aber das Geld bleibt in Rom

Am nächsten Tag genossen wir den Strand unseres Camping, denn mein Freund hatte Geschäfte zu erledigen. Es ist schon ein komisches Gefühl, an einem riesigen Strand ganz alleine zu liegen. Man hat überhaupt keinen Anhaltspunkt oder Orientierung und versucht nur geradeaus zu laufen. Von hier begann dann am nächsten Tag unsere Rückreise. Entlang am Golfo di Salerno einer der schönsten Küsten Italiens der costa amalfitana und mit einem Besuchsabstecher in Ceccano (Fr) bei unseren Freunden, fuhren wir zu unserem Lago Bracciano zurück. Am nächsten Tag machten wir noch einen Ausflug zur Villa d'Este in Tivoli.  Dieses Meisterwerk der hydraulischen Ingenieurskunst fasziniert mich immer wieder, und immer wieder kann ich Tage in dem tollen Garten verbringen und vergessen, dass ganz in der Nähe die große, heiße, schmutzige Stadt Rom ist. Zur Villa D'Este gibt's auch noch eine andere Geschichte aus einem anderen Jahr, die hier in diesen Reisebereicht aber nicht hineingehört. Wir kommen langsam zum Schluss der Reise, und nun wird uns die Zeit, die wir in der Basilikata vertrödelt haben, knapp. Die Rückreise muss nun etwas kürzer und schneller ausfallen. Über die Autobahn fahren wir nach Lana bei Meran. Dort fanden wir unsere nächste Übernachtungsstation auf einem kleinen Camping mit Quittenbäumen. Gut besucht und belebt mit allen Senioren aus Deutschland und den Niederlanden, die in Wohnmobilen oder Wohnwagen sich nun aufmachten, Italien zu besuchen. Nachdem wir am nächsten Morgen noch ein Bad im campingplatzeigenen Swimmingpool gemacht haben, sind wir nach Meran gefahren und haben uns umgesehen. Eigentlich wollten wir auch unsere letzten Lire ausgeben, aber die sind wir dann an die "Straßenräuber" am Timmelsjoch losgeworden.

Wir haben  meine Freundin bei Stuttgart nach einer Übernachtung wieder zurückgelassen. Als wir endlich zu Hause waren, hatten wir etwas mehr als 5.000 km gefahren. Meine Freundin war schwanger und wir haben sie erst zu ihrer Hochzeit mit meinem römischen Freund wiedergesehen. Heute lebt sie mit 2 Kindern in Ringiano (Flaminia),  nördlich Roms. Wir haben sie dort schon öfters besucht,  wenn wir wieder mal Halt machten am schönsten Sonnenuntergangsplatz der Welt..

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