So und nicht anders

von Thomas Hauschild © all rights reserved


Die Wölfin glüht. Rom in der Mittagsstunde. Weiße Wölkchen ziehen am Himmel und eine gelbe Sonne lädt die Stadt mit Hitze auf wie eine Backkartoffel. Das Pflaster ist heiß, in den Ohren rauscht der Verkehr, Hupen und Rufe zerschneiden die Luft. Zuhause wäre das eine Tortur, hier an unserem letzten Tag in Rom klingt es wie das Lebenslied dieser vitalen Stadt. Noch zwei Stunden bis unser Zug den Bahnhof Termini Richtung Deutschland verlassen wird.
Laura hat Hunger. Und ich habe Hunger. Eben haben wir unsere Koffer eingeschlossen und die letzten Lire gezählt. Es müsste gerade noch für ein kleines Essen reichen. Wir suchen in den Seitenstraßen nach einer Trattoria. Laura in ihrem gelben Sommerfähnchen legt Tempo vor, sie hasst es, in Eile zu essen. Sie ist mir einen halben Schritt voraus. So habe ich Gelegenheit, ihr phantastisches Hinterteil in Bewegung zu bewundern und ihre perfekten Beine.

Die Trattoria, für die Laura sich entscheidet, liegt im Souterrain, fünf Stufen unter Straßenniveau. Angenehm kühl muss es dort sein. Aber Laura bremst. In einem Glaskasten hängt die Speisekarte. Sie öffnet ihre Handtasche. Scheine und Münzen darin, alles, was wir noch an Lire haben. Wir rechnen.
Es wird ziemlich genau für zweimal Spaghetti, einen kleinen Salat und ein Glas Wein für jeden reichen. Laura lacht, schiebt die Sonnenbrille hoch ins Goldhaar und geht hinein. Sie ist stets positiv, hat immer gute Laune, und hatte sie auch noch, als gestern plötzlich unsere Scheckkarte und das Handy weg waren. Sie sonnte sich, während ich schwitzend in einer Telefonzelle hing, um die Karte sperren zu lassen. Wenn man sie fragen würde, ob es in ihrem Leben irgendwann mal ein Unglück gegeben habe, sie wüßte wahrscheinlich nichts zu sagen. Nur wenige Tische in der Trattoria, eine beleuchtete Theke mit kalten Vorspeisen. An der Decke ein riesiger Ventilator.
Ein ziemlich kleiner Laden, genau das richtige. Wir klemmen uns hinter einen kleinen Tisch an der weißgetünchten Wand, von wo aus wir das Lokal mühelos überblicken können. Menschen beobachten und über sie herziehen, ist unsere Leibspeise.
Ihnen raunend Dialoge in den Mund zu legen, sie mit absurden Reden zu synchronisieren, das macht Spaß. Laura liebt schräge erotische Dialoge. "Darling, lass uns doch hier gleich auf dem Tisch, wir vergessen die anderen Leute einfach..."
Am Nachbartisch ein Paar in reifem Alter, teuer angezogen, sie mit viel Gold um den Hals und die Handgelenke. Er in einem hellen Anzug, der federleicht aussieht. Seine großen Hände sind dicht und grau behaart wie ein waldiger Bergrücken. Die beiden reden gedämpft, lachen vertraut.
Zwei Männer in Hemdsärmeln betreten das Lokal und steuern auf einen Tisch zu. Alle im Raum außer uns sind Italiener. Das ist gut und lässt auf ordentliches Essen hoffen. Kein Touristenfraß. Das reife Paar ordert Antipasti aus der Theke und eine Flasche Weißwein. Bei einem roten Mund mit schneeweißen Zähnen bestellt Laura mit Seitenblick auf die Lirascheine auf dem Tisch, die wir mit den letzten Münzen beschwert haben, für uns das Essen. Der Mund lacht, weil die gescheiten Augen, die dazu gehören, mit einem Blick erfasst haben, dass wir sehr genau kalkulieren müssen. Zweimal Spaghetti vongole, Insalata mista und zwei Gläser vino bianco. Per favore, natürlich. 600 Lire Trinkgeld sind jetzt noch übrig.
Laura kann ganz gut Italienisch. Drei Intensivkurse in Venedig. Weder ein gewisser Franco noch ein schokoladenäugiger Andrea haben sie völlig vom Vokabeln-Lernen abhalten können. Danach kam ich... Es ist mit manchmal peinlich, wie unverhohlen neugierig Laura Leute anstarren kann. Wenn die italienischen Männer sie dann bereitwillig anlachen, gießt es jedes Mal wie ein Eimerchen Eifersucht über mich. Das reife Paar scheint Lauras aufdringliches Interesse nicht zu bemerken, die beiden Männer sind bei der Suppe und kümmern sich nicht um uns.
Der rote Mund, der mit gleichfarbigen klackernden Stöckelschuhen korrespondiert, bringt den Wein. Wir nehmen winzig kleine Schlucke. Wir müssen haushalten. Ich bemühe mich, mein Glas aus Lauras Reichweite zu manövrieren. Sie neigt zu Übergriffen, wenn ihres leer ist. Die Spaghetti sind ausgezeichnet, genau die richtige Schärfe, der kleine Salat eben ziemlich klein.
Am Nebentisch rücken sie Stühle. Der leichte Anzug reicht dem Goldschmuck den Arm. Das Paar geht, lässt einen großen Schein auf dem Tisch zurück. Ich nehme noch kurz einen üppigen Haarknoten unter dem Hut der Dame wahr, kurz gleißendes Licht in der offenen Tür und dann die Rückkehr der Dämmerung in den Raum. Laura hat derweil mein sorgsam gehütetes Restchen Wein ausgetrunken und lächelt verantwortungslos. Ich verberge, dass ich ärgerlich darüber bin. Doch kann man gegen diese blauen Sternenaugen an? Noch 25 Minuten bis Termini.
Laura hat einen Schuh ausgezogen und fädelt sich mit ihrer aufregend weichen Fußsohle in meinem Hosenbein empor. Noch Zeit, noch Muße. Jetzt noch ein Glas! Noch nur noch ein einziges kühles Gläschen zum Abschied von der ewigen Stadt Rom! Das wäre was.
Unser Blick fällt gleichzeitig auf die Weinflasche am Nachbartisch. Eine grüne Flasche mit goldenem Etikett und jeder Menge glitzernder Kondenströpfchen darauf.
Es fehlt vielleicht ein Glas daraus, mehr nicht. Das Paar trank Wasser.
Bei der Hitze ziemlich vernünftig.
Ich bräuchte eigentlich nicht mehr zu tun, als den Arm langzumachen. Aber dürfen wir uns als kulturlose Tedeschi entlarven, die sich Übergriffe auf Weinflaschen erlauben, die andere bezahlt haben? Was soll die Bedienung, was sollen die beiden Männer da drüben von uns denken? Wir sind auch ohne Diplomatenpaß irgendwie Botschafter Deutschlands.
Ein bezeichnender Seitenblick von Laura. Sie ist im Bilde und sie will Wein. So frech Laura sein kann, solche Manöver sind wie selbstverständlich immer meine Angelegenheit. Sie setzt dazu nur die passende Unschuldsmiene auf.
Es ist mir aber peinlich, zische ich. Ein geringschätziger Blick von ihr und ein aufmunternder Tritt. Sie hat ihren Schuh wieder an.
Gerade beugen sich die beiden Männer drüben über etwas, das wie eine Karte aussieht, eine Art Architektenplan, der offenbar ihre ganze Aufmerksamkeit fesselt.
Da steht sie, verlockend wie ein blondes Weib, die Flasche mit den glitzernden Tauperlen. Die Männer sind immer noch beschäftigt.
Wer will wissen, wieviel Wein noch in der Flasche übrig war! Wahrscheinlich wird er in der Küche sowieso weggeschüttet.
Jetzt oder nie!
Ich erhebe mich halb von Stuhl, strecke den Arm aus, meine Hand schließt sich um den Hals der Flasche. Ich weiß, alles wird gutgehen. Laura kichert.
In diesem Augenblick drehen sich die Köpfe der beiden Männer, wie an einem Draht gezogen herum und zwei Paar braune Augen nageln meine Finger an der Flasche fest. Ich erstarre und merke wie mir die Röte warm den Hals heraufkriecht. Oh, wie peinlich. Ertappt!
Doch jetzt ist es gleich. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Ich gieße ein und stelle die Flasche zurück auf den Nachbartisch. Wir beiden kulturlosen Tedeschi nippen an unseren Gläsern und vermeiden mit blutrot übergossenen Gesichtern, noch einmal hinüberzublicken.
Laura zischt: "Oh, Scheiße."
Mir ist der Genuß so ziemlich vergangen. Ich schmecke nicht das geringste. Im Glas könnte genausogut Spülwasser sein.
Plötzlich hören wir Stühlerücken. Einer der beiden Männer in einem kragenlosen weißen Hemd tritt an den Nachbartisch, ergreift die Flasche, gießt sich und dem anderen ein und stellt die Flasche zurück. Dann heben beide ihr Glas. Sie lachen uns zu und rufen freundlich "salute", Prost. Ganz wie von selbst und völlig überrascht heben auch wir unsere Gläser: "Salute!"
Ein wirklich guter Wein! Fruchtig und trocken. Ein Hochgenuß!
Wenig später sitzen wir im Zug und streiten uns.
Ich bin natürlich der Meinung, die beiden Männer hätten genau wie wir die günstige Gelegenheit auf ein kostenloses Glas Wein genutzt. Sie brauchten nur jemand, der es ihnen vormacht.
Laura behauptet, sie kenne die Italiener besser: Den Männern war es natürlich nicht um das Glas Wein zu tun, sagt sie, du mußt wissen, in Italien hat man noch einen Begriff von Ehre. Sie haben uns auf diese überaus taktvolle Weise das verlorene Gesicht wiedergegeben.

So war es, du tölpelhafter Germane, und nicht anders!
©1998 Erika Mager All rights reserved