Karusselfahrt

erlebt von Erika und Michael 

Entraque ist ein kleines Bergdorf in den italienischen Seealpen in der Provinz Piemont.

August 1990: In Entraque erwartet uns die große Überraschung. Es herrscht Volksfeststimmung. Wir werden Zeugen, wie die Italiener ihren Urlaub feiern. Die Stadtmitte ist zur Fußgängerzone erklärt worden, auf dem Platz vor dem Rathaus findet ein Wettbewerb für die Jugend statt.
In der Dunkelheit, die vom Mond und einigen Straßenlaternen etwas erhellt wird, wimmelt es von Menschen. Überall in und vor den Bars und Eiscafés sitzen sie und palavern. Mitten dazwischen spielen Kinder, auch die Kleinsten.
Vom Marktplatz her hören wir fetzige Discomusik, von der wir magisch angezogen werden. Was erwartet uns dort? - Ein riesiges Kettenkarussell!
Zuerst halten wir es für ganz normale Kinderbelustigung. Als wir bemerken, dass ein Jugendlicher sich während der Fahrt am Sitz eines vor ihm fliegenden Jungen anhängt, erwarten wir, an Reglementierungen gewöhnte Deutsche, dass irgendein Aufseher das bald unterbinden wird. Aber nichts geschieht. Später sehen wir, dass immer zwei Fahrer so aneinander hängen, während zwischen diesen Zweiergruppen jeweils zwei leere Sitze in einander gesteckt sind, um Abstand zu schaffen.
Während der rasanten Fahrt versucht nun der jeweils Hintere den vor ihm Fliegenden so hoch zu katapultieren, dass dieser eine Quaste erreichen kann, die außerhalb der Flugbahn an einer Art Angel befestigt ist, die vom Karussellbetreiber mal höher, mal tiefer gestellt werden kann. Wer die Quaste ergattert, gewinnt eine Freifahrt.
Oh, ich möchte ja so gerne auch mal wieder Kettenkarussell fahren, aber das scheint mir doch zu gefährlich.
Plötzlich scheint sich etwas zu ändern. Alle möglichen Leute, auch ein Vater mit seiner kleinen Tochter, besteigen die Metallstühlchen. Es gibt keine Leerplätze mehr.
Also wird die wilde Fliegerei der Waghalsigen nun wohl vorbei sein. Für mich gibt es jetzt kein Halten mehr!
Aber , oh weh! Schon in der ersten Runde werde ich mit aller Gewalt von hinten gegen den Metallsitz vor mir geschleudert, wobei ich mir das rechte Knie aufschürfe. Von nun an versuche ich mich mit den Füßen abzufangen. Aber immer wieder werde ich von hinten gestoßen, einmal so hart, dass ich mir den Rücken verletze, knapp neben der Wirbelsäule. Die Fahrt scheint kein Ende zu nehmen. Immer wieder verdrehen sich die Ketten meines Sitzes mit denen des Sitzes hinter mir. Mein Haarreif ist schon längst hinuntergefallen, der linke Ellenbogen aufgeschürft. Ich versuche mit Not meine Brille nicht zu verlieren. Endlich kommt die Foltermaschine zum Stillstand. Ich klettere völlig fertig auf festen Boden zurück - um eine Erfahrung reicher.

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